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Marokko |
Einwohnerzahl (Weltrang): 30 113 000 (37)
Fläche (Weltrangplatz): 458 730 km² (54)
Hauptstadt: Rabat
Autokennzeichen: MA |
Marokko - Maroc - Marruecos
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Reiseberichte / Texte zu Marokko
kühne Tourismuspläne
der Norden
einzelne Orte in Marokko: Casablanca
Fes
Meknes
Rabat
Tanger
Volubilis
TANGER – Die weiße Stadt
Die Ursprünge von Tanger gehen zurück in das Dunkel einer
Zeit in der sich Mythologie und Geschichte stark verwoben. Der Sage nach war es
Herkules, der griechische Halbgott, Sohn des Zeus, der mit einem mächtigen
Keulenschlag Europa von Afrika getrennt haben soll und so die Meerenge schuf, in
der sich die Wasser von Mittelmeer und Atlantik vermengen konnten. Herkules war
es auch der seinen Rivalen, den Riesen Antaeus erwürgte, dem die Gründung
Tangers zugeschrieben wird.
Wahrscheinlich aber wurde die Stadt irgendwann zwischen
dem 12. und dem 6.Jh. v.Chr. von den Phöniziern gegründet. Zumindest ist Tanger
durch sie, die zu dieser Zeit an der nordwestlichen Küste Afrikas bis hinunter
nach Essaouira Handel trieben, in die Geschichte eingetreten. Nach den
Phöniziern kamen die Karthager, dann die Berber Ägyptens und Tunesiens, die
Römer, die Vandalen, die Byzantiner und die Araber. Letztere übten den größten
Einfluss aus, islamisierten sie doch das Land innerhalb kürzester Zeit und
rekrutierten im Maghreb ihre Heerscharen um die iberische Halbinsel zu erobern.
Unter der Herrschaft der Almoraviden, Almohaden und Meriniden, genoss Tanger
vier Jahrhunderte lang die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit der
grandiosen maurisch-arabisch-andalusischen Zivilisation. Ab dem 15. Jahrhundert
wurde Tanger wegen seiner strategischen Lage und seiner Bedeutung als wichtiger
Handelsplatz immer mehr ein Spielball der europäischen Interessen: Portugiesen,
Spanier und Engländer nahmen die Stadt unter ihrer Kontrolle. Nach 6jähriger
Belagerung konnte 1684 Moulay Ismail, Regent des marokkanischen
Herrschergeschlechts der Saadier, in Tanger einziehen. Die Engländer rückten ab,
nicht ohne vorher die alten Wehrmauern zerstört und die Innenstadt
niedergebrannt zu haben. 1790 musste sich Tanger erneuter spanischer Angriffe
erwehren. 1844 bombardierten französische Flottenverbände die Stadt und
richteten schwere Schäden an.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich immer
mehr Europäer in der Stadt niedergelassen, und auch wichtige
Entscheidungsbefugnisse in der Stadtverwaltung übernommen. Am 31. März 1905
kreuzte Kaiser Wilhelm II mit der Yacht „Hohenstaufen“ vor Tanger auf. An Land
gegangen hielt er eine flammende Rede, in der er die deutschen Interessen an
der Unabhängigkeit Marokkos unterstrich. 1923 wurde das Statut unterzeichnet das
Tanger offiziell zur Internationalen Zone erklärte. Durch diese Maßnahme erlebte
die Stadt einen immensen wirtschaftlichen Aufschwung, und zog als
Freihandelszone Geldmärkte und Unternehmen aus aller Welt an, aber auch
Abenteurer und Schmuggler. 1956, im Jahr der Unabhängigkeit Marokkos, hatte
Tanger rund 150 000 Einwohner, davon etwa 42 000 Ausländer!
Nachdem im 19. Jahrhundert die Maler Tanger entdeckt
hatten – allen voran Eugène Delacroix -, war es der 1910 geborene Musiker und
Schriftsteller Paul Bowles, der eine ganze Generation amerikanischer Poeten in
die Stadt zog: William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Jack Kerouac , Tennessee
Williams, Truman Capote. Aber keiner war der Magie von Tanger so erlegen wie
Bowles, der sich intensiv mit der Literatur und Musik Marokkos befasste und
hier vor allem auch zu sich selbst fand. Er blieb schließlich ganz und starb
hier 1999.
Tanger ist das Tor zu Marokko, aber es ist nicht Marokko.
Wer das authentische Marokko sehen will – und das sollte man auch – der muss in
die faszinierenden Kasbahs der Königstädte Fes, Meknes, Rabat und Marrakesch
gehen, den grünen Mittleren Atlas durchqueren, oder den schroffen Hohen Atlas,
und der sollte auch südlich des Hohen Atlas im Tal des Draa
durch unvergessliche Landschaften mit ihren majestätischen Lehmburgen und den
wilden Schluchten fahren.
Tanger war und ist eine kosmopolitische Stadt. Religiöse
Toleranz ist eines ihrer Merkmale. Die christlichen und jüdischen Gemeinden
konnten wie die moslemischen ihren Glauben stets frei praktizieren. Freiheit war
das Zauberwort auch für die Millionäre, Geschäftemacher, Künstler und
Sinnsuchenden, die sich hier niederließen und der Stadt den legendären etwas
anrüchigen Ruf verschafften.
Der Tourismus, der in den Siebzigerjahren in Tanger
boomte, hat sich längst an die Badeorte am Atlantik verlagert. Die Veranstalter
haben Tanger nicht einmal mehr bei ihren Rundreisen im Programm, liegt es doch
abseits der Route der Königstädte. Es gibt fast keine Flüge von Europa nach
Tanger. Aber eine interessante Alternative bietet sich an: Fliegen Sie nach
Südspanien und setzen Sie von Algeciras oder Tarifa mit der Fähre über! Oder
wenn Sie mehr Zeit haben und eine Reise durch Marokko machen wollen, kommen Sie
mit Ihrem Wagen! Es lohnt sich. Wer nicht durch ganz Spanien fahren will, kann
sich in Sète in Frankreich einschiffen.
Der Putz bröckelt von den Hotels in Tanger, das Personal
lässt auch Wünsche offen. Der Vorteil ist: Die Hotels sind billig geworden:
Schon für 25 € ist ein ordentliches Zimmer in einem der kleineren Hotels zu
haben, und in einem größeren an der Strandpromenade für 50 €. Handeln heißt die
Devise. Die Restaurants sind leer, die Preise niedrig, der Service aufmerksam
und schnell. Probieren Sie Tajin, eine Art von Ragout mit verschiedenen Gemüsen
und Gewürzen. Es gibt unzählige Rezepte dafür, schmeckt jedes Mal anders und
kann sehr lecker sein.
Unbehelligt können Sie durch die Stadt bummeln. Sie
werden nicht auf Schritt und Tritt auf Touristen treffen wie fast überall sonst.
Französische oder Spanische Sprachkenntnisse sind nützlich, aber nicht
notwendig. Nicht wenige Marokkaner können Deutsch. Es gibt viel zu sehen, aber
man muss nicht alles gesehen haben. Lassen Sie sich Zeit, öffnen Sie Ihre Sinne!
Vom kanonenbestückten Place de Faro am Boulevard Pasteur
hat man einen großartigen Blick auf die Altstadt und die Befestigungsanlagen,
sowie auf das traditionsreiche Hotel Continental. Nebenan, in der Rue Khalid Ibn
Oualid No 9, befindet sich das Restaurant „Les Citoyens de Tanger“. Der Inhaber
Hans Tischleder weiß so ziemlich alles über Tanger. Er hat über die Stadt
Ausstellungen gemacht und ein Buch geschrieben. Zum lärmenden Grand Socco,
Marktplatz am Rande der Medina, ist der Weg nicht weit. Hier befindet sich die
Moschee Sidi Bou Abid, die Anglikanische Kirche, die ehemalige Deutsche
Botschaft und die Gärten der Mendoubia, der alten Residenz des Sultans. Durch
das Haupttor Bab Fah und die lebhafte Rue Siaghine – mit der Spanischen
Katholischen Kirche -, gelangt man zum berüchtigten Petit Socco, wo einst
Schmuggler, Dealer und Zuhälter ihre Geschäfte abwickelten, und auch jetzt noch
ein buntes Treiben herrscht. Von hier aus sollte man sich auf Entdeckungsreise
in die kleinen winkligen Gassen der Kasbah begeben. Wer sich verläuft, findet
immer einen netten Menschen, der einem den Weg weist. Nicht versäumen sollte man
das Musée de la Kasbah, das viele kunsthandwerkliche und archäologische Schätze
birgt. Ansonsten möchte ich mir und dem Leser ersparen, die vielen
Sehenswürdigkeiten aufzuzählen. Das Eigentliche in dieser Stadt ist, die
Atmosphäre zu erfühlen, sich den Farben, Gerüchen, Geräuschen hinzugeben, der
einzigartigen Geschichte nachzuspüren. Dann ist Tanger mit seinem morbiden
Charme auch heute noch eine magische Stadt.
Und zum Schluss doch noch ein Tipp: Fahren Sie mit einem
der billigen Taxis zum Café Hafa, einem alten ruhigen und stimmungsvollen
Terrassen-Café hoch über der Steilküste. Sie werden Bowles recht geben, der
diesen Ort als einen der schönsten Winkel Tangers bezeichnete. Ja, und machen
Sie einen Ausflug zum Kap Malabata und zum Kap Spartel: Herrliche Aussichten
erwarten Sie.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des
Rechteinhabers, © by Heiko Trurnit
2003
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